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Zukunftsbild KFZ | Zwischen Lenkrad und Fernbedienung – Eine Momentaufnahme der Mobilität in naher Zukunft

Digitalisierung und Automatisierung Sachversicherung (SHUK)
zwei kleine Fahrer Seifenkiste Kfz

Es ist ein kühler Frühlingsmorgen, und Anna steht vor ihrem Reihenhaus in einer ruhigen Vorstadtsiedlung. Sie holt ihr Smartphone aus der Tasche und öffnet die „myCar“-App ihres Fahrzeugherstellers. „Bitte zum Büro“, murmelt sie fast beiläufig. Auf ihrem Bildschirm erscheint die Bestätigung: „Fahrzeug ist unterwegs und wird in fünf Minuten vorfahren.“

In der nahen Großstadt mag man schon hier und da vollautonome Taxen sehen, doch in Annas Viertel setzen die meisten Hersteller und Carsharing-Anbieter noch auf teilautonome Fahrzeuge, die sich mithilfe von Fernsteuerung durch Servicemitarbeiter zum Kunden bewegen. In der App verfolgt Anna das graue Symbol ihres E-Autos auf der Karte: Momentan steht es in einer Gemeinschaftsgarage ein paar Straßen weiter. Kurz darauf bewegt es sich – offensichtlich ohne Fahrer – langsam auf sie zu.

Fernsteuerung und Übergabe

Einmal angekommen, empfängt die schicke Limousine Anna mit einem Piepton. Der Bordcomputer erkennt ihre Authentifizierung mittels NFC-Chip und die Türen entriegeln sich automatisch. Sie steigt ein und sieht das altbekannte Lenkrad, das bei Bedarf jederzeit übernommen werden kann. In der Praxis gönnt sie sich aber meist den luxuriösen „Assisted Mode“, bei dem die Servicemitarbeiter des Autoherstellers als Chauffeure aus der Ferne fungieren, wenn die teilautonomen Systeme des Fahrzeugs ein menschliches Eingreifen fordern.

Auf dem Display des Car-Entertainmentsystems wird eine Statusmeldung anzeigt: „Gestern Wartung bei City-Center-Repair. Fernsteuerung durch Autohersteller und Versicherer genehmigt.“ Anna erinnert sich: Nach einem kleinen Parkrempler hatte ihr Fahrzeug eigenständig eine Versicherungsfreigabe angefordert. Als diese erteilt wurde, übernahm das Schadenteam ihres Versicherers (in Kooperation mit dem Autohersteller) die Steuerung per Fernwartung und fuhr den Wagen direkt in die Werkstatt.

Besitz und Versicherung

Nicht jeder in der Nachbarschaft besitzt ein eigenes Auto. Anna hingegen hat sich noch für das Eigentumsmodell entschieden, zumindest offiziell. In Wahrheit teilt sie den Wagen inzwischen in einem Micro-Carsharing mit ihrer Schwester Susanne, die nur eine Straße weiter wohnt. Beide sind in der myCar-App als Halterinnen eingetragen und wechseln je nach Bedarf die Versicherung.

Damit gerät das klassische Konzept „Ein Fahrzeug – ein Versicherungsnehmer“ ins Wanken. Versicherer haben längst reagiert: dynamische Policen bieten flexible Pakete an. Wenn Anna den Wagen nur privat nutzt, zahlt sie eine niedrigere Prämie. Sobald Susanne ins Spiel kommt und der Wagen für gemeinsame Fahrten freigeschaltet wird, ändert sich das Tarifmodell in Echtzeit.

Schadenprozess neu gedacht

Nachdem die Servicemitarbeiter des Autoherstellers das Auto per Fernsteuerung auf die ruhigere Landstraße navigiert haben, übernehmen die Assistenzsysteme. Derweil entspannt Anna auf dem Rücksitz und strukturiert gedanklich den vor ihr liegenden Tag. Der Gedanke an den kürzlichen Parkschaden kommt ihr erneut in den Sinn. Früher hätte sie telefonieren, Formulare ausfüllen und tagelang auf einen Werkstatttermin warten müssen. Jetzt lief alles automatisch:

Ein Sensor erfasste den Kratzer und meldete ihn an die zentrale Plattform. Diese erstellte eine Schadenhöhenschätzung und prüfte Annas Versicherungsbedingungen, um anschließend die Reparaturfreigabe zurück an das Auto zu übermitteln. Nachdem Anna ihre Zustimmung zu einem der Terminvorschläge zur Reparatur gab, wurde der Wagen zum vereinbarten Termin per Fernsteuerung in die Werkstatt bewegt. Nach der Instandsetzung kehrte das Fahrzeug automatisch zum im Fahrzeug hinterlegten Standardparkplatz. Die Kostenabrechnung und Dokumentation der Reparatur erfolgten digital zwischen Werkstatt und Versicherung. Darüber hinaus wurden sie in der digitalen Fahrzeugmappe gespeichert.

Diese neuartigen digitalen Prozesse schufen neue Geschäftsmodelle für Versicherer.  Sie bieten kombinierte Wartungsverträge an, die sowohl die Schadenregulierung als auch vorbeugende Inspektionen beinhalten. Sie erhalten Servicegebühren für den Transfer der Fahrzeuge in Partnerwerkstätten. Ihre Digitalplattformen ermöglichen nahtloses Carsharing und On-Demand-Versicherungen, die sich an Nutzungsintensität und Fahrerprofil orientieren.

Mehrfache Versicherungsnehmer

Im Fahrzeugdisplay blinkt der Name von Annas Kollegen Lars auf, der sich gerade in der myCar-App angemeldet hat und gerne ein Stück mitgenommen werden möchte. Anna nimmt Lars immer gerne mit. Da er leidenschaftlicher Selbstfahrer ist, kann er das Steuer übernehmen und Anna die Servicegebühr für den Remote-Chauffeur sparen. Früher hätte das möglicherweise zu der Frage geführt, ob Lars überhaupt versichert ist und das Fahrzeug fahren darf. Heute aber ist das System flexibel: Während Anna fährt, ist ihre Police aktiv. Sobald Lars die Kontrolle übernimmt, kann er sich innerhalb derselben Plattform mit seiner eigenen Police autorisieren.

Bei Firmenwagen läuft es ähnlich: Das Firmenkonto trägt die Hauptversicherung, während Mitarbeiter einzelne Fahrten je nach Reisezweck zuschalten. Dadurch entstehen kleinteilige Versicherungsmodelle, in denen für jedes Fahrzeug im Lauf des Tages wechselnde Policen gelten können.

Besitz neu definiert

Immer mehr Menschen in Annas Umgebung entscheiden sich für gemeinschaftlichen Fahrzeugbesitz in kleinen Gruppen, oft nur für drei bis fünf Nachbarn. Keiner muss sich um Werkstattbesuche kümmern, da das Auto via Fernsteuerung „selbst“ vorfährt und wieder zurückkommt. Was sie gemeinsam finanzieren, sind Anschaffung, Unterhaltskosten und eine geteilte Versicherung, die sich bei jeder Fahrt automatisch auf den jeweiligen Nutzer überträgt. Darüber hinaus haben Sie über den Fahrzeughersteller Zugriff auf Poolfahrzeuge, die dann genutzt werden können, wenn das geteilte Fahrzeug, bereits belegt ist.

Autohersteller entdecken daraus neue Erlösquellen. Sie bieten Pakete aus Fahrzeugleasing, Datenmanagement und Versicherung an – oft unter einer eigenen Marke. Der Endkunde bekommt ein Rundum-Sorglos-Angebot und weiß, dass Wartung, Updates und Schadenregulierung komplett integriert sind.

Der Blick in den Rückspiegel

Lars parkt Annas Auto vor dem Bürogebäude ihres gemeinsamen Arbeitgebers. Anna lässt das Auto jedoch nicht einfach stehen: Per App gibt sie an, dass es zur Mittagszeit im Carsharing-Modus für ihre Schwester bereitstehen soll. Das Auto fährt autonom in eine zentrale Sammelgarage, welche sich einige Straßen weiter in einem aufgegebenen Baumarkt befindet, um von dort später pünktlich zu Susanne aufzubrechen. In solchen Sammelgaragen werden die teilautonomen Fahrzeuge automatisch geladen oder betankt und auf Wunsch gewaschen und gereinigt.

Während Anna ihrem Fahrzeug hinterherschaut, fragt sie sich, ob ihr das nächste Fahrzeug überhaupt noch gehören wird. Es ist doch verlockend, nur dann zu zahlen, wenn sie das Auto wirklich braucht. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sieht sie auf die Straße, wo ein roter Kleinwagen eines Carsharinganbieters lautlos an der Ampel wartet – bereit, von seiner Remote-Zentrale zum nächsten Kunden gesendet zu werden.

In diesem Stadtbild wirkt kein Szenario mehr absurd: Teilautonome Wagen, die sich in wechselnder Hand befinden, täglich den Versicherer wechseln und „on demand“ zu Partnerwerkstätten fahren. Für die Versicherungsbranche bedeutet das dynamische Policen, automatisierte Schadenprozesse und neue Rollen – denn wer das Steuern und die Kontrolle von Fahrzeugen beherrscht, der gestaltet auch die Zukunft der Mobilität.

Als Anna das Büro betritt, registriert sie eine letzte Benachrichtigung auf ihrem Smartphone: „KFZ-Wartung in der Nacht geplant. Bitte Fernsteuerungsfreigabe erteilen.“ Sie bestätigt die Meldung und nickt zufrieden. Alles läuft. Alles ist im Fluss. Und der Tag hat gerade erst begonnen.

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